Allgemein Die Ermittler

Mädchenrache – Leseprobe

Mädchenrache - erscheint am 5. Mai 2021

1.

Ich beobachte sie. 

Wenn ich ein Tier wäre, wären meine Spezialitäten die Auswahl und das Ausspähen der Beute. Die Wahl des richtigen Moments, um zuzuschlagen. Um das ahnungslose Beutetier zu attackieren, um es zu töten.

Doch ich bin kein Tier. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut und mein Trieb endet nicht mit dem Tod der Beute. Ich will mehr. Ich will sehen, was passiert, wenn Verwandte, Freunde, Liebhaber, Bekannte meine Opfer vermissen, suchen, schließlich um sie trauern, während die Polizei vergeblich versucht, aufzuklären, was mit ihnen geschehen ist.

Die Jagd allein war mir nie genug. Echte Befriedigung empfinde ich erst, wenn ich die Trauer der Hinterbliebenen und die Verzweiflung der Polizei ausgekostet habe. Wenn meine Opfer zu einer Nummer, einem Cold Case in den Datenbanken werden. Erst dann verspüre ich innere Ruhe, Glück. Bis mein Jagdtrieb wieder erwacht.

Doch dieses Mal habe ich noch ein weiteres Ziel. Ich will ein Spiel spielen. Eine Art Spiel des Lebens, das für fast alle der Figuren tödlich enden wird. Ich habe lange nach der richtigen Gelegenheit gesucht, mit dieser Partie zu beginnen. Auf einmal war sie da und ich habe begonnen, das Mädchen für meinen ersten Zug auszuspionieren, sie vorsichtig in Position gebracht.

Mein Spiel ist unfair und genau das soll es sein. Denn das Leben ist unfair und er war es auch, solange er es konnte. Ich spiele gegen einen Gegner, der sich nicht wehren kann, der keine Spielfiguren hat. Er kann nur zuschauen, meine Züge beobachten. Das ist das Besondere an meinem Spiel. 

Er wird in seinem Zimmer auf und ab gehen, nervös, wütend. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass er mit der Faust gegen die Wand schlagen möchte, etwas zerstören. Dass er sich wünscht, ein Mädchen umzubringen, um sich abzureagieren, seine Schande zu schmälern, dass ich ihm dieses Match aufgezwungen habe, das er nur verlieren kann. Denn es ist mein Spiel, es sind meine Regeln.

Ich habe das Spiel Mädchenrache genannt.

2.

Amaryllis Winter schätzte den Mann, der sichtbar erschüttert vor ihr stand, auf ungefähr sechzig. Bernd Haberland hatte volles graues Haar, sein gebräuntes Gesicht ließ darauf schließen, dass er sehr viel Zeit im Freien verbrachte und die Sonne es gewesen war, die die Spuren in seiner faltigen Haut hinterlassen hatte. Er trug eine olivfarbene Anglerhose, die ihm ein unförmiges Äußeres verlieh, seine Angelausrüstung lag auf der Erde neben ihm. Seinem Hobby nachgehen würde er an diesem Tag nicht mehr, so viel war sicher.

Die Kommissarin schaute sich um, ob ihr Partner Falk von Heeren mittlerweile eingetroffen war, doch sie sah nur einige wenige Hunde mit ihren Besitzern, die offenbar eine frühe Runde um den Grunewaldsee drehen wollten, bevor der große Ansturm losging. Das Hundeauslaufgebiet an dem idyllisch gelegenen See im Berliner Süden war ein beliebtes Ausflugsziel und an den Wochenenden heillos überlaufen. Dies würde an diesem Sonntag, der sonnig und warm zu werden versprach, nicht anders sein, wenn einige Polizeibeamte nicht gerade damit begonnen hätten, das Gelände noch weitläufiger abzusperren, als es bereits war.

Der Mann folgte ihrem Blick und holte tief Luft. „Ich beneide Sie um Ihren Job hier heute nicht.“

Amaryllis ließ die Bemerkung unkommentiert und beschloss, mit der Befragung des Zeugen zu beginnen, da dieser absolut recht hatte. Mit jeder Minute, die verging, würden mehr ahnungslose Spaziergänger kommen und nicht alle würden bereitwillig umkehren, wenn ihnen Beamte in Uniform erklärten, dass der See an diesem Tag nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war. Erfahrungsgemäß würde der Ärger mit den aufgebrachten Seebesuchern das kleinere Übel sein. Schlimmer würden die Schaulustigen werden, die versuchen würden, sich über Nebenwege an den Ort des Geschehens vorzuarbeiten, um einen Blick auf das zu werfen, was die Polizei da zu verbergen suchte.

„Herr Haberland, wann sind Sie heute Morgen am See angekommen?“

„Ich war um kurz vor fünf Uhr hier wie jedes Wochenende im Sommer. Um die Zeit ist es wunderbar ruhig, vielleicht ein oder zwei andere Angler, aber die machen keinen Krach, wir wollen schließlich alle ein paar Fische an die Angel kriegen. Ab sechs Uhr kommen die ersten Leute mit ihren Hunden, dann ist Schluss mit der Ruhe. Die Viecher kläffen, rennen ins Wasser, scheuchen die Fische auf. Aber die erste Stunde, die lohnt sich. Mit etwas Glück ist es manchmal fast sieben, bevor der Trubel richtig losgeht.“

Amaryllis überlegte einen Moment, warum der Mann überhaupt an den Grunewaldsee fuhr, wenn er wusste, dass er nur wenig Zeit zum ungestörten Angeln haben würde.

„Sie fragen sich sicher, warum ich mir das überhaupt antue, hier rauszufahren, wenn ich weiß, dass ich nur kurze Zeit mehr oder weniger allein sein werde. Zum einen ist es ein wunderbarer See, die Fische beißen gut, zum anderen sind wir immer noch mitten in Berlin. Einen wirklich einsamen See zum Fischen finden Sie erst wieder im tiefsten Brandenburg und dahin fahre ich mindestens zwei bis drei Stunden. Wenn man es gegeneinander aufrechnet, bleibt dort nicht mehr viel Zeit zum Angeln. Meine Frau wird nicht müde zu betonen, dass sie im nächsten Leben ein Fisch wird in der Hoffnung, dass sie mich so öfter sieht. Sprich, ich muss am frühen Nachmittag zu Hause sein, sonst hängt der Haussegen schief.“

„Sie haben eben gesagt, wie ‚jedes Wochenende‘. Was bedeutet das? Kommen Sie Samstag und Sonntag her oder nur am Sonntag? Oder wechseln Sie die Tage ab?“, stellte Amaryllis ihre nächsten Fragen.

„Für gewöhnlich bin ich an beiden Tagen hier, sobald es hell wird. Manchmal sogar früher.“

„Kann ich daraus schließen, dass Sie gestern Morgen hier waren?“

„Das können Sie. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen“, Bernd Haberland nickte wissend mit dem Kopf. „Gestern Morgen hing das Ding nicht da. Ich war mir selten einer Sache so sicher wie dieser.“

Sein Blick wanderte zu dem blutdurchtränkten Hemd, dessen ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war. Das Kleidungsstück hing auf einem Bügel an einem Baum, der ein ganzes Stück nach hinten versetzt am Rand des Weges stand. In der Entfernung konnte man das alte Forsthaus sehen, zu dessen Parkplatz der Weg führte.

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