Die Ermittler

Der Abend an der Bar

Falk von Heeren fuhr sich mit der Hand durch seine braunen Locken und wünschte sich an einen anderen Ort.

Falk von Heeren fuhr sich mit der Hand durch seine braunen Locken und wünschte sich an einen anderen Ort. Er trank einen Schluck von seinem Bier und merkte, wie ihm der Alkohol langsam zu Kopf stieg. Er wusste nicht, wie viele Biere er bereits getrunken hatte, aber es mussten eine Menge sein. Er war pünktlich um 19 Uhr in der kleinen Bar am Prenzlauer Berg angekommen und hatte sich sofort das erste Bier bestellt, nachdem er der Gastgeberin pflichtschuldig gratuliert und sein Geschenk abgegeben hatte. Die kurz danach herumgereichten Platten mit Fingerfood hatte er ignoriert, er wollte sich an diesem Abend betrinken. Volllaufen lassen.

Der Kommissar der Berliner Mordkommission schaute auf seine Uhr und holte tief Luft. Es war kurz vor 23 Uhr und er wusste, dass er nach Hause gehen konnte. Seine Frau würde bereits schlafen, die halbleeren Kleiderschränkte würden ihn daran erinnern, dass sie am nächsten Tag ausziehen würde. Falk verzog das Gesicht, was ihm den verwunderten Blick eines Kollegen von der Spurensicherung einbracht, der neben ihm an der Bar stand und auf sein Getränk wartete.

„Gute Party, hatten wir lange nicht mehr“, versuchte der Mann Konversation zu machen und schaute zu der Tanzfläche, auf der die halbe Belegschaft der Berliner Mordkommission und der Spurensicherung zu tanzen schien. 

„50ter Geburtstag, Bar, Prenzlauer Berg, freier Alkohol, die Musik ist erstaunlich gut, ein lauer Sommerabend, kein Wunder, dass die Leute ausflippen“, kommentierte er die Bemerkung des Kollegen, der vielleicht Tom, vielleicht aber auch Bernd hieß, Falk konnte sich beim besten Willen nicht erinnern.

„So ist es wohl“, antwortete Tom oder Bernd, nahm sein Glas und ging.

Falk vermutete, dass er erleichtert war, nicht mehr neben ihm stehen zu müssen. Er wusste, dass seine schlechte Laune, seine Niedergeschlagenheit langsam begann, selbst den mitfühlendsten Kollegen auf die Nerven zu gehen.

„Du kannst dich nicht auf ewig hängen lassen, die Hälfte der Leute bei der Mordkommission sind geschieden. Natürlich ist das furchtbar, aber das Leben geht weiter.“ So oder so ähnlich lauteten die Ratschläge, die er nach der ihm zugestandenen Trauerphase über das Ende seiner Ehe bekam.

Vielleicht waren die anderen vom Ende ihrer Beziehung auch nicht so dermaßen kalt erwischt worden, wie er, überlegte Falk. Er war der Meinung gewesen, er sei glücklich verheiratet, bis zu dem Abend, als er unerwartet früher nach Hause gekommen war und seine Frau mit dem Tennislehrer der Kinder im Wagen vor dem Haus hatte knutschen sehen. Ja, knutschen. Wie zwei Teenager hatten die beiden sich geküsst, wild, hemmungslos.

Martina hatte seine Arbeit, die unendlichen Überstunden, seine permanente Abwesenheit von zu Hause für ihr Fremdgehen verantwortlich gemacht und ihm erklärt, sie wolle die Trennung. Es gebe kein Zurück mehr. Falk war wie vor den Kopf geschlagen gewesen.

Erstaunlicherweise hatte ihn die Entschlossenheit, mit der Martina ihn verließ, zu einem besseren Ermittler gemacht. Zum ersten Mal konnte er sich in die Rolle der Opfer und manchmal sogar die der Täter besser hineinversetzen, denn plötzlich kannte er das Gefühl, dass sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wurde, ohne, dass er etwas dagegen tun konnte.

Falk trank den letzten Schluck aus seiner Bierflasche und beschloss, sich dem Unvermeidlichen zu fügen. Er würde nach Hause gehen, sich auf das schmale Bett im Gästezimmer legen, das seit Wochen seins war und am nächsten Morgen Martina helfen, die letzten Kisten ins Auto zu tragen. Sie würde sich in ihrer neuen Wohnung einrichten und in einer Woche die drei gemeinsamen Töchter von den Großeltern abholen, wo sie die Sommerferien verbrachten. Bei dem Gedanken, dass seine Kinder nicht mehr bei ihm wohnen würden, spürte Falk den Schmerz wie am ersten Tag, dabei wusste er, dass er genügend Zeit gehabt hatte, sich an den Gedanken zu gewöhnen.

„Tut mir leid, dass ich das so sagen muss, aber du siehst echt beschissen aus.“

Falk versuchte die junge Frau mit den langen blonden Haaren und den strahlenden blauen Augen irgendwo zuzuordnen, war sich aber sicher, dass er sie nicht kannte.

„Danke, das hört man doch gerne“, kommentierte er ihre Bemerkung trocken. „Vor allem von einer Fremden.“

Die Frau grinste, bestellte beim Barkeeper einen Gin Tonic und sagte dann: „Benita Hüther, Pathologin, ich arbeite seit Beginn des Sommers in der Gerichtsmedizin.“

„Das macht das Kompliment von eben noch besser, wenn jemand, der sich ausschließlich mit Toten beschäftigt, erklärt, dass man beschissen aussieht. Ziel erreicht. Heute Nacht werde ich gut schlafen.“

Falk richtete sich etwas auf und macht dem Mann hinter der Bar ein Zeichen, ihm noch ein Bier zu bringen. Vielleicht war die junge, auffallend hübsche Frau neben ihm genau das, was er brauchte, um über seinen Kummer hinwegzukommen. Sogar auf die Gefahr hin, dass er irgendwann bei einem Fall mit ihr zusammenarbeiten musste.

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